Wie lange dauert Trauer?

This text was originally published in English on the It’s Complicated blog.

Trauer (grief) ist das, was man nach dem Tod eines geliebten Menschen innerlich denkt und fühlt. Trauern (mourning) ist der äußere Ausdruck dieser Gedanken und Gefühle. Zu trauern bedeutet, aktiv an unserer Trauerreise teilzunehmen. Wir alle sind traurig, wenn jemand, den wir lieben, stirbt, aber wenn wir heilen wollen, müssen wir auch trauern.“ – Alan D. Wolfelt

Manche Dinge werden nicht wieder gut. Wir können sie nur ertragen.“ – Megan Devine

Einführung in die 6 Bedürfnisse des Trauerns

„Ist es noch normal, dass ich so traurig bin? Reagiere ich über? Wie lange wird es anhalten?“ Viele Menschen sind sehr skeptisch, wie – wie oft, wie lange, wie intensiv – sich ihre Traurigkeit zeigt. Ganz gleich, ob sie allen Grund haben, traurig zu sein. Sie haben vielleicht den Tod eines Kindes oder eines Elternteils erlebt, eine Scheidung, eine Trennung, eine Verschlechterung ihrer Gesundheit, den Verlust ihrer Wohnung, ihrer Gesundheit, ihres Arbeitsplatzes oder der Kinder, die von zu Hause weggehen… und trotzdem werden sie argumentieren: „Ich will nicht mehr weinen. Ich habe genug geweint.“ oder „Warum sollte ich überhaupt weinen? Ich mag es nicht, und es hilft auch nicht.“ In diesem Beitrag erfährst du, warum und wie die aktive Auseinandersetzung mit deiner Trauer der Schlüssel zur Heilung ist.

Trauer verstehen

Ein Verlust verändert unser Leben grundlegend. Bei manchen Verlusten gibt es ein deutliches „Vorher“ und „Nachher“. Der Übergang von dem einen zu dem anderen ist ein langer und schmerzhafter Prozess. Trauer ist schwierig, anstrengend und erfordert Zeit, Energie und Raum. Trauer und Traurigkeit sind natürliche Reaktionen auf einen Verlust, aber oft hat man uns nicht beigebracht, wie man traurig ist oder wie man trauert.

Hast du deine Eltern weinen sehen? Hast du als Kind an Beerdigungen teilgenommen? Durftest du beobachten, wie jemand trauert und sich allmählich erholt? Wie haben die Erwachsenen um dich herum über Tod und Verlust gesprochen? Was hast du durch ihr Verhalten über den Umgang mit solchen Situationen gelernt?

Trauer ist ein individueller Prozess, und während unsere Kultur Rituale für den Tod eingeführt hat, gibt es nur wenige für andere Arten von Verlust. Die Trauer kann als Prozess dienen, durch den wir die Rituale bestimmen, die für unsere individuelle Heilung notwendig sind.

Häufige Missverständnisse über Trauer

Trauer ist KEINE psychische Krankheit, auch wenn sie intensiv und lang anhaltend sein kann. Im Gegenteil, wenn Trauer und Traurigkeit unterdrückt werden, kann dies zu Problemen wie Depressionen oder psychosomatischen Symptomen führen. Die Inanspruchnahme der Hilfe einer*s Trauerbegleiter*in oder Therapeut*in während der Trauer kann diese Probleme verhindern und Unterstützung in einer Kultur bieten, in der es oft schwierig ist, Traurigkeit zu verarbeiten.

Trauer ist KEINE Aufgabe, die man einfach so hinter sich bringen kann. Sie ist eine Reise, und manche Trauer kann ein Leben lang andauern. Schmerz ist ein fester Bestandteil des Lebens, genau wie Freude, Aufregung, Lachen und Glück. Wir können unsere Gefühle nicht selektiv betäuben; die Ablehnung von Traurigkeit vermindert auch unsere Fähigkeit, Glück, Freude und Dankbarkeit zu empfinden. Alle Gefühle werden dann oberflächlich.

Zwar wird die Trauer oft als ein Prozess dargestellt, der verschiedene Phasen durchläuft (z. B. Verleugnung, Wut, Verhandeln, Depression, Akzeptanz), doch für manche sind diese Modelle zu starr und einschränkend. Die Stadien scheinen einen klaren Anfang und ein klares Ende zu implizieren, was zu Scham- und Schuldgefühlen führen oder das Gefühl vermitteln kann, dass man etwas falsch macht. Und das ist das Letzte, was Trauernde brauchen.

Die Dauer und die Bewegungen des Trauerprozesses zu akzeptieren, kann eine Herausforderung sein. Manchen fällt es schwer, Momente zu akzeptieren, in denen es ihnen besser geht, weil sie befürchten, dass dies ihren Verlust verharmlost, während es anderen schwerfällt, eine weitere Welle der Traurigkeit zu akzeptieren, weil sie befürchten, dass sie untröstlich werden könnten. Das Modell der sechs Bedürfnisse des Trauerns von Alan D. Wolfelt kann ein hilfreicher Weg zur Heilung sein.

Die sechs Bedürfnisse (oder Aufgaben) des Trauern

Wolfelt beschreibt sechs Bedürfnisse der Trauer als die Aufgaben, die das Leben nach einem Verlust an uns stellt. Die aktive Auseinandersetzung mit diesen Bedürfnissen macht die Trauerarbeit aus. Es gibt keine bestimmte Reihenfolge, und es ist normal, dass man sich zwischen ihnen bewegt. Jedes Bedürfnis kann über Monate hinweg immer wieder deine Aufmerksamkeit erfordern. Sei geduldig und mitfühlend mit dir selbst, während du diesen Bedürfnissen begegnest.

1. Sich die Realität des Verlustes eingestehen

Nach einem Verlust ist es eine große Herausforderung, die neue Realität zu akzeptieren, dass jemand oder etwas, das dir sehr am Herzen lag, nie wieder physisch in deinem Leben zurückkehren wird. Manchmal kann es vorkommen, dass du diese Realität verleugnest, um damit fertig zu werden. Im traditionellen Phasenmodell ist Akzeptanz das ultimative Ziel, aber manchmal kann man es nicht akzeptieren. In diesem Fall reicht es aus, den Verlust anzuerkennen: sich einzugestehen, das verloren ist, was verloren ist. Das Wiederaufgreifen von Erinnerungen rund um den Verlust und der Austausch darüber ist ein wichtiger Teil der Trauerarbeit; jedes Mal, wenn du darüber sprichst, wird der Verlust ein bisschen realer.

2. Den Schmerz über den Verlust annehmen

Das ist nicht selbstverständlich. Es ist leichter, unseren Schmerz zu vermeiden, zu unterdrücken oder zu verleugnen, zumal unsere Kultur dieses Verhalten oft fördert und diejenigen lobt, die „stark“ und „beherrscht“ bleiben. Wenn man Gefühle von Traurigkeit oder Trauer äußert, wird einem oft geraten, „weiterzumachen“, „dankbar zu sein“ oder zu glauben, dass „alles einen Sinn hat“.

Wenn du dich mit deinem Schmerz auseinandersetzt, musst du möglicherweise anpassen, wie viel du auf einmal verarbeiten kannst. Dein Schmerz muss lernen, sich auf eine Weise zu manifestieren, die du ertragen kannst, so wie du lernen musst, Raum für deinen Schmerz zu schaffen. Es wird Momente geben, in denen du dich von ihm entfernen musst und andere, in denen du einen sicheren Raum für die Begegnung mit ihm schaffen kannst.

3. Erinnere dich an das, was du verloren hast

Hier geht es um die Liebe, die in der Trauer existiert. Schaffe dir deine eigenen persönlichen Rituale, um die Verbindung zu dem, was du verloren hast, aufrechtzuerhalten. Wenn du deine Erinnerungen nah bei dir hast, kannst du auch hoffnungsvoll und offen für neue Dinge werden. So wie Mut die Kehrseite der Angst ist, ist Liebe die Kehrseite der Trauer. Es geht nicht darum, loszulassen, sondern vielmehr darum, einen anderen Platz für das zu finden, was dir verloren gegangen ist.

4. Das Entwickeln einer neuen Identität

Trauer kann wie ein Vergrößerungsglas sein, das uns offenbart, was uns wirklich wichtig ist. Wenn du jemanden oder etwas verloren hast, das ein Teil von dir und deinem Leben war, ändert sich natürlich auch deine Selbstwahrnehmung. Je tiefer deine Verbindung zu dem, was du verloren hast, ist, desto tiefgreifender kann die Veränderung sein. Du wirst von der „Ehefrau“ zur „Witwe“, von „Eltern“ zu „trauernden Eltern“, von „verheiratet“ zu „geschieden“, von „beruflich erfolgreich“ zu „berufsunfähig“.

Auch wenn diese Veränderung anstrengend, beängstigend oder frustrierend sein kann, wirst du allmählich in sie hineinwachsen. Auf dem Weg dorthin wirst du auch neue Facetten an dir entdecken: neues Selbstvertrauen, Zärtlichkeit, Freundlichkeit und sogar Durchsetzungsvermögen.

5. Die Suche nach dem Sinn

„Warum ist mir das passiert?“ Lass dich nicht stressen! Du wirst vielleicht eine Antwort auf diese Frage finden, vielleicht aber auch nicht. Der Verlust erinnert uns daran, dass wir keine Kontrolle haben, und Gefühle der Hilflosigkeit, Traurigkeit und Einsamkeit können manchmal überwältigend sein. Du wirst deinen Weg finden, der deiner persönlichen Reise durch den Verlust einen Sinn gibt.

6. Kontinuierlich die Hilfe und Unterstützung von anderen annehmen

Wir sind nicht dazu bestimmt, schwere Zeiten allein zu durchleben. Die Art und Weise, wie du während deines Trauerprozesses die Hilfe anderer suchen und annehmen kannst, hat einen großen Einfluss auf deine Fähigkeit, zu heilen. Es ist wichtig zu verstehen, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, wenn man sich an Freunde, Familienangehörige oder professionelle Berater wendet, sondern dass es zeigt, wie sehr einem der Verlust am Herzen liegt.

In einer Gesellschaft, in der die Trauer oft überstürzt verarbeitet wird, wird vielleicht erwartet, dass man schnell „weitermacht“ und wieder „funktioniert“. Es ist wichtig, mit den Menschen in deinem Umfeld darüber zu sprechen, welche Unterstützung du brauchst. Das kann sich manchmal wie eine zu große Aufgabe anfühlen. Da Trauer ein lebenslanger Prozess ist, ist es wichtig, auch noch Monate und Jahre nach dem Verlust Unterstützung zu erhalten.

Zusammenfassung

Trauer ist eine natürliche Reaktion auf einen Verlust, und Trauern ist ein aktiver Prozess, der uns hilft, unseren Schmerz zu verarbeiten und zu heilen. Wenn du die sechs Bedürfnisse des Trauerns verstehst und annimmst, kannst du dich mit deiner Trauer versöhnen und die neue Realität des Lebens ohne das Verlorene integrieren. Auf diese Weise kannst du Raum für Hoffnung in deiner Zukunft schaffen und die Energie zurückgewinnen, dich voll und ganz auf die Aktivitäten deines Lebens einzulassen.


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Schreibübung:

Nimm ein Blatt Papier und zeichne sechs Kreise, einen für jedes Bedürfnis. Schreibe auf, was du bereits getan hast, um für jedes dieser Bedürfnisse zu sorgen. Nimm dir einen Moment Zeit, um über zusätzliche Dinge nachzudenken, die du gerne ausprobieren würdest. Überlege, welches Bedürfnis für dich besonders schwer zu bewältigen war, und was dir bei der Bewältigung dieses Bedürfnisses helfen könnte.

Die Bedürfnisse verändern sich im Laufe der Zeit und du wirst einige Aspekte in manchen Phasen deines Trauerprozesses als schwieriger empfinden als in anderen. Vertraue darauf, dass du in der Lage bist, jedes Bedürfnis zu gegebener Zeit anzugehen, und sei freundlich zu dir selbst, während du durch die Höhen und Tiefen der Trauer und der Heilung navigierst.

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Literatur

Megan Devine, Es ist ok, wenn du traurig bist. Warum Trauer ein wichtiges Gefühl ist und wie wir lernen weiterzumachen, München 2018

Megan Devine, Es ist ok, wenn du traurig bist. Ein Trauer-Journal, München 2021

George A. Bonnano, Die andere Seite der Trauer. Verlustschmerz und Trauma aus eigener Kraft überwinden, Bielefeld 2012

Alan D. Wolfelt, Understanding Your Grief. Ten Essential Touchstones for Finding Hope and Healing your Heart, Chicago 2021

Podcasts

Christine Kempkes, Liebevoll trauern
Megan Devine,It’s ok that you´re not ok
radioWissen, Trauer – Neuer Umgang mit altbekanntem Gefühl

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