„Unsere Körper sind nicht Dinge, die wir haben – sie sind das, was wir sind.“
Als ich vor über 15 Jahren begann, mit der Grinberg Methode zu arbeiten, war ich tief beeindruckt von der Klarheit und Intensität, mit der diese Körperarbeit Menschen in ihre eigene Wahrnehmung zurückführt. Die Idee, dass unser Körper Muster speichert, die wir lernen können zu unterbrechen, schien mir nicht nur kraftvoll, sondern auch zutiefst emanzipatorisch. Und ja: Viele Menschen haben durch diese Arbeit Zugang zu sich selbst gefunden, sich aus alten Automatismen gelöst, neue Handlungsspielräume entdeckt.
Aber mit der Zeit wurden mir auch Grenzen bewusst. Und nicht nur das – ich begann, Aspekte der Methode kritisch zu hinterfragen.
Individualisierung von Leid
Immer wieder begegnete mir in der Arbeit ein implizites Narrativ: „Wenn du dein Muster verstehst und unterbrichst, wird es besser.“ Doch was, wenn das Leiden gar nicht aus einem individuellen Muster stammt? Was, wenn es aus struktureller Gewalt, aus Trauma, aus systemischer Benachteiligung kommt? Ich begann zu spüren, dass die Grinberg Methode kaum Raum lässt für diese größeren Kontexte. Leid wurde etwas, das man durch eigenes Verhalten überwinden soll. Das kann entlastend sein – aber auch vereinsamen und isolieren.
Selbstverantwortung bis zur Selbstschuld
Was ich früher als Selbstermächtigung empfand, wurde mir zunehmend als Last bewusst, die ich meinen Klientinnen unbeabsichtigt weitergab. Wenn etwas nicht besser wurde, lag die Schlussfolgerung nahe: Du hast dein Muster nicht genügend gestoppt. Du machst dich selbst zum Opfer deiner Muster. Du hast nicht genug Disziplin. Es entstand eine unausgesprochene, aber durchdringende Idee von Selbstschuld.
Der Körper als Objekt
In der Grinberg Arbeit wird der Körper trainiert, kontrolliert, beeinflusst. Auch wenn es um Wahrnehmung geht, bleibt oft ein Ziel im Raum: besser werden, freier werden, entspannter sein. Ich begann zu merken, wie das eine instrumentalisierende Haltung gegenüber dem eigenen Körper fördern kann. Nicht ein liebendes Dasein mit dem eigenen Körper, sondern eine funktionale Optimierung.
Fehlende traumasensible Grundlagen
Viele Menschen, die mich aufsuchten, trugen tiefe Verletzungen in sich. Die direkte, körpernahe Arbeit war für sie nicht immer hilfreich. In manchen Fällen war sie sogar überfordernd. Ich suchte nach einem Ansatz, der nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit innerer Sicherheit, mit Affektregulation und mit Bindung arbeitet. Und ich fand: AEDP.
AEDP – Eine neue Beziehung zum Erleben
In AEDP (Accelerated Experiential Dynamic Psychotherapy) geht es nicht darum, Symptome wegzumachen. Sondern darum, das Erleben zu verlangsamen, zu bezeugen, gemeinsam zu halten. Schmerz darf sein. Er wird nicht bewertet oder als Muster analysiert. Sondern in Beziehung gebracht. Und genau das, was ich in der Grinberg Arbeit vermisst hatte, ist hier zentral: die mitfühlende, regulierende Beziehung. Ich bin nicht Expertin über dich. Ich bin mit dir. Das hat auch mein eigenes Arbeiten tief verändert.
Ethische und strukturelle Klarheit
AEDP ist ein wissenschaftlich fundierter psychotherapeutischer Ansatz mit klaren ethischen Leitlinien, mit Supervision, mit Reflexion, mit Sprache. In der Grinberg Methode gibt es diese Rahmung nicht bzw. war diese Rahmung in meiner Ausbildung von Strukturen geprägt, die deutliche Red Flags beinhalteten in Bezug auf Macht, Kontrolle und Transparenz. Viel blieb im individuellen Ermessen von Lehrer:innen, Trainer:innen und Praktiker:innen. In einer Arbeit, die so tief geht, kann das grenzgefährdend sein. Auch das wurde mir immer klarer.
Was bleibt?
Ich bin dankbar für die Jahre mit der Grinberg Methode. Sie hat mir eine Sprache für Körperlichkeit gegeben, die mir niemand nehmen kann. Aber mein Weg hat mich weitergeführt. Heute arbeite ich mit AEDP, mit einem traumasensiblen, beziehungsbasierten und tief menschlichen Ansatz. Wenn es passt und sich sinnvoll für meine Klient:innen anfühlt, arbeite ich auch in diesem Rahmen mit direkter Berührung.
(Der Fokus auf das Unterbrechen von Mustern im Körper durch das Beeinflussen von Atmung, Bewegung, Wahrnehmung, ist im körperorientierten Coaching zentral, nicht jedoch in der therapeutischen Arbeit. Dazu mehr hier)
Und wenn du als Klientin diese Zeilen liest: Du darfst dich gesehen fühlen in allem, was du mitbringst. Nicht nur in deinen Mustern. Sondern in deiner Geschichte, in deinem Schmerz, in deiner Hoffnung. Ich begleite dich gerne – nicht als jemand, der weiß, was du brauchst. Sondern als jemand, der mit dir gemeinsam hinhört.
Wenn du mehr lesen möchtest über AEDP, dann schau in diesen Blog Beitrag.
Wenn du mehr erfahren möchtest über die Grinberg Methode, kann du hier weiterlesen.
Avi Grinberg, Becoming Yourself: Body Attention and the Fulfillment of Potential, 2021


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