This article was first published in English on the It’s Complicated blog.
„Echter Fortschritt erfordert schwierige Gespräche. Echter Dialog ist chaotisch, unangenehm und kompromisslos. Und Meinungsverschiedenheiten sind kein Verrat. Frieden entsteht nicht dadurch, dass man zustimmend nickt, sondern dadurch, dass man sich durch – und für – unsere schwierigsten Wahrheiten kämpft“ – Ahmed Fouad Alkhatib
Als Russland in die Ukraine einmarschierte, traf ich die bewusste Entscheidung, weniger Nachrichten zu lesen. Ich erinnere mich noch gut an diesen Tag im Februar 2022. Gerade als ich auf dem Weg zur Arbeit war, sagte meine Partnerin: „Es ist soweit, es gibt Krieg.“ Vor mir lag ein voller Tag mit Klienten*innen, von denen jede*r mit ihrer/seiner eigenen emotionalen Reaktion auf den Krieg zu kämpfen hatte. Ich ertappte mich dabei, jeden von ihnen zu fragen: „Was hast du getan, nachdem du die Nachricht erhalten hast? Wie hast du dich heute gegen diese Gewalt gewehrt?“ Ich definierte Widerstand als die kleinen, alltäglichen Handlungen, mit denen wir Gewalt, Diskriminierung und Unterdrückungssysteme bekämpfen. Jede*r Klient*in reagierte auf ihre/seine eigene Weise: Sie bereiteten Frühstück für ihre Kinder zu, um ein Gefühl der Normalität aufrechtzuerhalten; wählten ein schönes Outfit, um das Leben zu feiern; schalteten die Nachrichten aus, um Musik zu hören, die sie mit unserer gemeinsamen Menschlichkeit verband; zündete eine Kerze an und sprach ein Gebet oder ließ ihren Tränen freien Lauf. Jeder fand ihre/seine eigene Form des Widerstands – und schenkte damit Trost und Kraft.
Von einem Krieg zum nächsten
Damals fiel es mir leichter, emotionalen Abstand zum Krieg zu wahren, da ich weniger persönlich involviert war. Ich hielt mich von den Medien fern, spendete für humanitäre Zwecke und konzentrierte mich auf meine Arbeit, indem ich meine Klienten dabei unterstützte, mit ihren eigenen Ängsten und Bedürfnissen umzugehen. Doch das änderte sich nach dem schrecklichen Massaker vom 7. Oktober und dem anhaltenden Völkermord in Gaza. Dieser Konflikt kam mir näher, war persönlicher und etwas, in das ich aufgrund meiner Familie bereits zuvor involviert war. Vom ersten Tag an befand ich mich mitten in der Polarisierung. Wohin sollte ich mit meinem Schmerz, meiner Trauer, meiner Wut und meiner Verzweiflung? Ich war und bin immer noch empört darüber, dass die deutsche Politik und Zivilgesellschaft es versäumen, einen Raum zu schaffen, in dem sich sowohl Palästinenser*innen als auch Israelis, Muslime und Juden & Jüdinnen gesehen, gehört und sicher fühlen. In Berlin, wo große palästinensische und jüdisch-israelische Gemeinschaften leben, fühlt sich keine der beiden Gruppen ausreichend gesehen und unterstützt.
Dieses Versagen vertieft die Polarisierung in unserer Gesellschaft, in der Kultur, den Medien, den Schulen und im öffentlichen Leben und ebnet den Weg für Entmenschlichung und Isolation. Die Erzählung lautet: Wer für die eine Seite ist, ist gegen die andere – und was immer wir auch tun, ist zuviel oder zuwenig. Im vergangenen Jahr habe ich miterlebt, wie Beziehungen aller Art zerbrachen – Gespräche wurden abgebrochen, Menschen zogen sich in Schmerz, Verzweiflung und Scham zurück, andere reagierten mit Wutausbrüchen oder betäubten sich selbst. Das Ergebnis ist eine weit verbreitete Polarisierung und Entfremdung. Als Gesellschaft haben wir die Fähigkeit verloren, Raum für unterschiedliche Ansichten und Widersprüche zu schaffen.
Wie sprechen wir unsere Wahrheit aus und wie hören wir auf die Wahrheit anderer?
Dies ist die Herausforderung, mit der sich die Therapeutin Orna Guralnik aus der Fernsehserie „Couples Therapy“ und ihre Patientin Christine in ihrem Gespräch in der Rubrik „Opinion“ der Septemberausgabe 2024 des „Guardian“ auseinandersetzen. Es ist ein Dialog zwischen einer Palästinenserin und einer jüdischen Israelin über Krieg, Besatzung, Apartheid, Völkermord, Terror und das tiefgreifenden Machtungleichgewicht. Ihr Gespräch zeigt, wie die Kommunikationsstrategien, die wir in intimen Beziehungen anwenden, auch dabei helfen können, schwierige Gespräche mit denen zu führen, die wir als „Feinde“ wahrnehmen. Es ist ein eindrucksvolles Beispiel für Vertrauensbildung durch Selbst- und Co-Regulation.
Allerdings gibt es ein weit verbreitetes Missverständnis bezüglich Regulierung. Viele scheinen zu glauben, dass Regulierung bedeutet, einen Zustand zu erreichen, in dem wir keine intensiven emotionalen Reaktionen mehr erleben, als ob wir uns durch genügend Heilung oder Therapie „reparieren“ könnten. Bei Regulierung geht es jedoch nicht darum, Intensität zu vermeiden – es geht darum, genügend innere Sicherheit zu schaffen, um Risiken einzugehen. Es geht darum, geerdet zu bleiben, wenn alles in uns bebt – sei es vor Schmerz, Wut, Angst oder Liebe. Regulation fühlt sich nicht immer angenehm an, und ein sicherer Raum ist nicht unbedingt ein bequemer. Es ist die Fähigkeit, mehrere Realitäten gleichzeitig zu halten, offen für die Welt um uns herum zu bleiben und gleichzeitig mit unseren eigenen Werten und Prioritäten verbunden zu bleiben, selbst wenn die Hände schwitzen und das Herzen rast.
Diese Praxis, Raum für Komplexität zu schaffen, ist nicht nur entscheidend für unsere Verbindung zu uns selbst und in persönlichen Beziehungen, sondern auch für die Beziehungen zwischen unseren Gemeinschaften. Gewaltfreie Aktivist*innen beschreiben Befreiung oft als den Prozess, Hass und Gewalt in sich selbst loszulassen, um konstruktiv mit denen umzugehen, die als „Feinde“ gelten. Dieses Engagement entspringt nicht nur Solidarität, sondern auch Eigeninteresse: Unsere eigene Befreiung ist untrennbar mit der Befreiung anderer verbunden, unsere eigene Sicherheit & Würde ist untrennbar mit der Sicherheit & Würde der anderen verbunden.
Empathie und Handeln: Verantwortung und Macht aufbauen
Emotionale Resonanz allein reicht nicht aus. Empathie erfordert, dass wir Verantwortung übernehmen und Macht aufbauen. Wahre Empathie ist sowohl emotional als auch kognitiv – es geht darum, die Perspektive eines anderen zu verstehen und angemessen zu reagieren. Ebenso geht es bei Selbstmitgefühl nicht nur darum, freundlich zu uns selbst zu sein; es erfordert Entschlossenheit – die Stärke, Grenzen zu setzen, für unsere Werte einzustehen und auf eine Weise zu handeln, die mit wahrer Selbstfürsorge im Einklang steht.
In Kriegszeiten ist es entscheidend, dass wir unsere Stimme finden und uns weiterhin zu Wort melden, wann immer wir können – insbesondere, wenn wir über die entsprechenden Mittel und Möglichkeiten verfügen. Wir haben die Verantwortung, keine Partei zu ergreifen, sondern auf Lösungen hinzuarbeiten, die Frieden, Gewaltfreiheit und Menschenrechte wahren. Das bedeutet, uns weiterzubilden, aufmerksam zuzuhören und engagiert zu bleiben – nicht, um zu überzeugen oder gar zuzustimmen, nicht, um uns unbedingt die Hände zu reichen und Freunde zu werden, sondern um an unserer gemeinsamen Menschlichkeit festzuhalten und Schritt für Schritt auf eine Lösung hinzuarbeiten, ein Gespräch nach dem anderen.
4 praktische Schritte für schwierige Gespräche
Ob es sich um deinen besten Freund, Partner, Elternteil oder Kollegen handelt – wir alle haben Beziehungen, in denen Meinungsverschiedenheiten tief sitzen. So gehst du konstruktiv an diese Gespräche heran:
1. Entscheide, welche Auseinandersetzungen wichtig sind: Bist du am richtigen Ort für dieses Gespräch? Hast du die Kapazität, dich darauf einzulassen? Sorge gut für dich selbst und denk daran: Nicht jeder Konflikt muss ausgetragen werden.
2. Bereite dich darauf vor, zuzuhören: Auch wenn du zutiefst anderer Meinung bist, konzentriere dich darauf, zuzuhören. Nutze während des Zuhörens deinen Körper, um offen und geerdet zu bleiben: Atme, lehn dich entspannt in deinem Stuhl zurück, spüre deine Füße auf dem Boden und erlaube deinen Gefühle da zu sein (= nimm die Empfindungen in deinem Körper wahr und lass sie beim Atmen durch deinen Körper strömen).
3. Finde Gemeinsamkeiten: Versuche zu verstehen, woher die andere Person kommt und was ihr wichtig ist, und finde mindestens eine kleine Sache, der du zustimmen kannst, und sprich diese an. Vertrauen aufzubauen, beginnt mit einer Verbindung.
4. Teile deine Sichtweise mit: Sobald Vertrauen aufgebaut ist, drücke klar aus, was dir wichtig ist. Bleibe respektvoll und höflich. Denk daran: Es geht nicht darum, die andere Person zu ändern, sondern darum, auszusprechen, wie die Dinge für dich sind.
Wenn das Gespräch wieder zu einer belastenden Situation führt, kehre zu Schritt 1 zurück. Und denk daran: Es ist immer in Ordnung, das Gespräch bei Bedarf zu beenden oder zu verschieben – schütze dich selbst und bleibe höflich, auch wenn ihr unterschiedlicher Meinung seid.
Nicht aufgeben!
Schwierige Gespräche zu führen ist hart, und es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass diese Momente des Austauschs Teil eines längeren Weges sind, hin zu Verständnis und Heilung. Jedes Gespräch, ob es nun in Einigkeit endet oder nicht, ist eine Gelegenheit, Empathie zu üben, die Verbindung aufrechtzuerhalten und in unserer gemeinsamen Menschlichkeit verwurzelt zu bleiben. In Zeiten von Krieg und Spaltung ist der einfache Akt, den Dialog offen zu halten, eine Form des Widerstands gegen Gewalt und Polarisierung. Diese Gespräche können auch dazu beitragen, Hoffnung als Fähigkeit zu üben. Manchmal hören wir zu und hören jemanden die Worte sagen, nach denen wir gesucht haben; manchmal sprechen wir und andere hören vielleicht die Worte, die sie selbst noch nicht gefunden haben. Selbst wenn Gespräche sich unvollständig anfühlen, sind sie Schritte in Richtung einer Zukunft, in der gegenseitiger Respekt und Verständigung möglich sind. Hör weiter zu, melde dich weiter zu Wort und arbeite weiter auf eine Welt hin, in der jede Stimme gehört und geschätzt wird!
Vom Schmerz zur Befreiung: Überwindung verinnerlichter Unterdrückung
Das Triangle of Oppression und das Triangle of Liberation, wie sie vom AEDP-Therapeuten Ben Medley formuliert wurden, bieten einen Rahmen zum Verständnis gesellschaftlicher Transformation und wie wichtig reale, politische Entscheidungen dafür sind.
Das Triangle of Oppression beschreibt drei Kräfte, die Unterdrückung aufrechterhalten: Entmenschlichung, Entmachtung und Entfremdung. Diese Kräfte schaffen einen Kreislauf, der Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Leid in unseren Gesellschaften aufrechterhält. Es ist eingebunden in einen Kreis politischer Dynamiken der Unterdrückung.
Im Gegensatz dazu betont das Triangle of Liberation, die für einen positiven Wandel notwendig sind: Humanisierung, Empowerment und Verbundenheit. Um Unterdrückung zu überwinden, müssen wir die Menschlichkeit in anderen erkennen, Einzelpersonen und Gemeinschaften stärken und tiefe, authentische Verbindungen fördern. Indem wir diese drei Säulen angehen, können wir uns auf eine gerechtere, inklusivere und mitfühlendere Gesellschaft zubewegen. Es ist eingebunden in einen Kreis politischer Dynamiken der Partizipation.
Ben Medleys Modell unterstützt Therapeuten dabei, sowohl persönlichen als auch gesellschaftlichen Wandel im Blick zu haben. Indem sie Klienten dabei helfen, sich wieder mit ihrer Menschlichkeit zu verbinden, ihre Kraft zurückzugewinnen und sinnvolle Verbindungen aufzubauen, können sie der Verinnerlichung von Unterdrückung entgegenwirken. Dieser Ansatz fördert nicht nur die individuelle Heilung, sondern möchte auch zu einer umfassenderen gesellschaftlichen Transformation beitragen.
Der Kreis, der beide Dreiecke umschließt, steht für den konkreten politischen Kontext, der beeinflusst, wie Menschen sich selbst und andere wahrnehmen – ob durch unterdrückende oder befreiende Perspektiven. Um Befreiung zu fördern, brauchen wir wirksame politische Systeme.
Wenn du mehr über das „Change Triangle“ auf individueller und zwischenmenschlicher Ebene erfahren möchtest, ließ den Blogpost „Das Change Triangle – Wie wir Gefühle verarbeiten“ oder nimm an unseren online Kurs „SOS Gefühle – Selbstregulierung mit dem Change Triangle“ teil.
Quellen:
- ‘Many people would throw a tantrum at this point’: An Israeli and a Palestinian discuss 7 October, Gaza – and the future, The Guardian Opinion, September 13th 2024
- Couples Therapy TV Series
- Jouanna Hassoun, Shai Hoffmann, Trialog. Über Israel Palästina Sprechen, 2024
- History, Language, Memory – Danielle Schwartz zu Gast bei Shai Hoffmann, Podcast Über Israel & Palästina sprechen, Mai 2026
- Allan Wade, Small acts of living. Everyday resistance to violence and other form of oppressions, 1997
- Paul Linden, Embodied peacemaking – Body Awareness, Self-Regulation and Conflict Resolution
- Pooja Lakshmin, Real Self-Care. A Transformative Programme for Redefining Wellness, 2024
- Dr. Ahmad Abu Akel on Empathy, B8 of Hope Podcast, S1 Episode 9, 9.11.2024
- Kristin Neff, Kraftvolles Selbstmitgefühl für Frauen. Klar für sich selbst einstehen, engagiert handeln und Erfüllung finden, 2022
- Pooja Lakshmin, Hope Is Not a Thing to Have – It’s a Skill to Practice, Oprah Daily 2022




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