Trauma neu denken durch den Ansatz der Response-Based Practice
This article was first published in English on the It’s Complicated blog.
Eine der herzzerreißendsten Erfahrungen in der therapeutischen Arbeit ist es, mitzuerleben, wie sehr Menschen sich selbst für die Gewalt, Unterdrückung oder das Leid verantwortlich machen, das sie erfahren haben. Immer wieder kommen Klient*innen in die Therapie und glauben, sie hätten versagt: Ich hätte mich stärker wehren müssen. Ich hätte früher gehen müssen. Ich dürfte davon nicht so betroffen sein. Weil die Gewalt trotz ihrer Bemühungen weiterging, können sie oft nicht erkennen, auf wie vielfältige Weise sie Widerstand geleistet haben oder weiterhin leisten – um ihre Sicherheit, ihre Würde, ihre psychische Stabilität, ihre Beziehungen oder sogar ihr Leben zu bewahren.
Und allzu oft verstärken auch wir als Therapeut*innen diese Selbstbeschuldigung unbeabsichtigt. Wenn wir ausschließlich die Sprache von Symptomen, Pathologie, fehlenden Bewältigungsstrategien, Bindungsverletzungen oder emotionaler Dysregulation verwenden, besteht die Gefahr, dass wir die Gewalt selbst aus dem Blick verlieren – ebenso wie die intelligenten Reaktionen, die Menschen unter Bedingungen von Zwang und Kontrolle entwickelt haben.
Response-Based Practice eröffnet eine andere Perspektive. Anstatt zu fragen: „Was hat die Gewalt mit dir gemacht?“ fragt sie: „Was genau hat der Täter getan – und wie hast du darauf reagiert?“ Diese Verschiebung ist nicht einfach nur eine einfühlsamere Neubewertung. Sie ist der Versuch, Gewalt und die Reaktionen (Antworten) auf Gewalt genauer zu beschreiben. Sobald Gewalt relational und kontextbezogen verstanden wird, wird Widerstand sichtbar. Und sobald Widerstand sichtbar wird, können wir gemeinsam mit unseren Klient*innen würdigen, auf welch vielfältige Weise sie die ganze Zeit versucht haben, sich selbst, andere Menschen und ihre Würde zu schützen.
Ich habe dich gebeten aufzuhören.
Aus dem Englischen. Public Service Announcements, Whitehorse, Yukon, Kanada
Ich habe versucht zu verhandeln.
Ich habe um Hilfe geschrien.
Ich habe mein Gesicht von deinem abgewandt.
Ich habe meine Beine gekreuzt.
Ich habe meinen Bauch herausgestreckt.
Ich habe mich an einem Baum festgehalten.
Dann habe ich mich schlaff gemacht, um den Schmerz zu vermeiden
und bin in meiner Vorstellungskraft an einen sicheren Ort gegangen.
Und du stellst meinen Widerstand wirklich infrage?
Der Richter entschied, dass ich zugestimmt hätte.
Niemand hat darum gebeten, vergewaltigt zu werden.
Steht mit uns für Würde und Gewaltfreiheit ein.
Wenn Überleben wie Versagen aussieht
„Ich bin so eine Feigling“, sagt sie und lässt sich erschöpft auf den Stuhl vor mir sinken. „Ich bin wie gelähmt, wenn er mein Telefon mit Nachrichten über unser Kind überflutet. Ich komme nicht hinterher. Entweder antworte ich stundenlang und bin danach völlig erschöpft, oder ich höre auf zu antworten – aber ich weiß, dass er mir das bei unserer nächsten Mediation vorwerfen wird und ich dann als nicht kooperativ dargestellt werde.“
Seit der Trennung hat ihr Ex-Partner jeden Austausch in eine Krise verwandelt: endlose „Sorgen“ über Schulbrote, Abholzeiten, Arzttermine, Schlafenszeiten, Ferienplanung. Nichts wird jemals wirklich geklärt. Jede Nachricht zieht sie in endlose Diskussionen, Vorwürfe und Selbstzweifel hinein. Fachkräfte fordern sie auf, besser zu kommunizieren, ruhig zu bleiben und kooperativer zu agieren – ohne zu erkennen, wie sich coercive control, also zwanghafte Kontrolle und Machtausübung, hinter der Sprache des gemeinsamen Elternseins verbergen kann. Manchmal wird es für eine Weile ruhig. Sie beginnt wieder zu atmen. Bis er einen neuen Weg findet, sie zurück in die Dynamik hineinzuziehen.
Oft kommt sie voller Selbstvorwürfe in die Therapie: weil sie sich zurückzieht, weil sie es anderen recht machen möchte, weil sie sich ständig emotional überflutet fühlt, weil sie keine Grenze setzen kann, weil sie erschöpft ist. Aber was, wenn das alles keine Zeichen von Schwäche oder Dysfunktion sind? Was, wenn die Reaktionen, die wir als Symptome bezeichnen, in Wirklichkeit intelligente, lebenserhaltende Formen des Widerstands sind? Response-Based Practice lädt uns dazu ein, Gewalt anders zu betrachten: nicht nur im Hinblick auf den Schaden, den sie verursacht, sondern auch im Hinblick auf die unzähligen Möglichkeiten, mit denen Menschen Widerstand leisten, ihre Würde schützen und überleben. Zu verstehen, wie sich Zwang und Kontrolle anfühlen, und diesen Widerstand dagegen zu würdigen – genau hier beginnt ihre Heilung.
Die Sprache, die uns gefangen hält
„Ich bin so feige. Ich bin erstarrt, als er mich angeschrien hat. Ich hätte mich wehren müssen.“
„Ich bin so kaputt. Ich habe gelächelt, als sie mich gedemütigt haben. Ich hätte Nein sagen müssen.“
„Es ist meine Schuld. Ich habe mich entschieden, mit ihm Kinder zu bekommen. Ich hätte längst gehen müssen.“
Ich könnte unzählige Varianten dieser Form von Selbstbeschuldigung nennen, die ich von Menschen höre, mit denen ich arbeite. Viele von ihnen haben körperliche oder sexualisierte Gewalt, Übergriffe, schwere Vernachlässigung, Zwang und Kontrolle, Stalking, Belästigung am Arbeitsplatz oder andere Formen systemischer oder kolonialer Unterdrückung erlebt. Sie alle haben verinnerlicht, dass sie selbst das Problem seien – und dass diese Dinge nicht passieren würden oder sie nicht so stark beeinträchtigen würden, wenn sie nicht „so kaputt“ wären.
Wenn Trauma vor allem über seine neurobiologischen Auswirkungen verstanden wird, verschiebt sich der Fokus leicht auf die Frage, was die Gewalt mit dem Opfer gemacht hat – anstatt darauf, wie die betroffene Person darauf reagiert hat, um zu überleben. Dabei wird auch verdeckt, dass die bewusste Entscheidung, Gewalt oder Kontrolle gegen einen anderen Menschen einzusetzen, auch den Versuch beinhaltet, dessen Widerstand zu brechen. Viele Klient:innen bleiben dann mit der Überzeugung zurück, sie seien selbst schuld, weil sie es nicht einfach schaffen, „darüber hinwegzukommen“.
Linda Coates und Allan Wade unterscheiden vier sprachliche bzw. diskursive Operationen, durch die eine solche Verzerrung im Zusammenhang mit zwischenmenschlicher, systemischer oder kolonialer Gewalt möglich wird.
Sprache wird dabei verwendet, um:
- Gewalt zu verschleiern,
- die Verantwortung der Täter:innen abzuschwächen,
- den Widerstand der Betroffenen zu verschleiern und
- die Betroffenen zu beschuldigen.
In unserem Beispiel wird diese Sprache besonders schmerzhaft sichtbar, weil sie Handlungsfähigkeit und Verantwortung auslöscht. Sie führt dazu, dass Institutionen und professionelle Praktiken – wenn auch unbeabsichtigt – Teil von Zwang und Kontrolle werden können, gerade weil sie diese nicht erkennen. Praktiken, die als neutral dargestellt werden – Mediation, Anforderungen an die Kommunikation zwischen gemeinsam erziehenden Eltern oder Erwartungen an „Kooperation“ – können zu einer Verlängerung des Missbrauchs werden, wenn Macht, Angst und Zwang nicht berücksichtigt werden.
- Die Gewalt verschleiern
Der Missbrauch wird als „hochkonflikthafte gemeinsame Elternschaft“ dargestellt und nicht als Zwang und Kontrolle. Seine unablässigen Nachrichten werden als „Sorgen um die Kinder“, „Kommunikationsprobleme“ oder „mangelnde Grenzen“ beschrieben. Dadurch wird das darunterliegende Muster aus Überwachung, Einschüchterung und Dominanz verschleiert. Weil die Gewalt psychologisch und administrativ statt körperlich ausgeübt wird, wird sie als gewöhnlicher Konflikt nach einer Trennung normalisiert. Die kumulativen Auswirkungen auf die Betroffene – ständige Wachsamkeit, Erschöpfung und die Unfähigkeit, klar zu denken – werden unsichtbar und später pathologisiert. - Die Verantwortung des Täters abschwächen
Sein Verhalten wird wohlwollend interpretiert: Er „versucht, beteiligt zu bleiben“, ist „besorgt um die Kinder“ oder „hat Schwierigkeiten mit der Trennung“. Fachkräfte können beide Seiten gleichermaßen dazu auffordern, ihre Kommunikation zu verbessern, wodurch eine gegenseitige Verantwortung suggeriert wird. Das Zwangsmuster verschwindet hinter neutralen Begriffen wie „Missverständnissen“ oder „Zusammenbruch der Beziehung“. Selbst der unaufhörliche Strom von Nachrichten kann als Beweis dafür interpretiert werden, dass er ein „engagierter Vater“ sei – anstatt als Verhalten eines Menschen, der sich berechtigt fühlt, strategisch ihre Zeit, Aufmerksamkeit und emotionale Energie in Anspruch zu nehmen. - Den Widerstand verschleiern
Ihre Reaktionen werden häufig nur als Symptome oder Defizite betrachtet. Erstarren, verzögerte Antworten, emotionaler Rückzug, sorgfältig formulierte Nachrichten oder die Begrenzung des Kontakts können als Vermeidung, Instabilität oder mangelnde Fähigkeit zur gemeinsamen Elternschaft interpretiert werden. Aus der Perspektive der Response-Based Practice sind dies jedoch Formen von Widerstand und Selbstschutz. Vielleicht verbringt sie Stunden damit, neutrale Antworten zu formulieren, um eine Eskalation zu vermeiden. Vielleicht dokumentiert sie die Interaktionen akribisch. Vielleicht schaltet sie Benachrichtigungen stumm, um ihren Schlaf zu schützen. Vielleicht zieht sie sich strategisch aus endlosen Diskussionen zurück. Dies sind geschickte und bewusste Handlungen unter Bedingungen von Zwang und Kontrolle. Doch nur selten werden sie als Widerstand erkannt, weil sie nicht wie eine dramatische Konfrontation aussehen. - Das Opfer beschuldigen
Sobald der Widerstand unsichtbar gemacht wurde, wird die Verantwortung auf sie verlagert. Wenn sie emotional antwortet, ist sie „reaktiv“. Wenn sie nicht schnell genug antwortet, ist sie „nicht kooperativ“. Wenn sie erschöpft oder dysreguliert ist, wird ihr Leid selbst zum Beweis dafür, dass sie das Problem sei. Mediationsverfahren können diese Dynamik verstärken, indem sie von gleicher Macht und einer gegenseitigen Fähigkeit zur Verhandlung ausgehen. Der Fokus verschiebt sich von seinem zwanghaften und kontrollierenden Verhalten auf ihren Kommunikationsstil. Sie beginnt, diese Bewertungen zu verinnerlichen und fragt sich: „Warum kann ich damit nicht einfach besser umgehen?“ Auf diese Weise kann institutionelle Sprache die Erzählung des Täters reproduzieren und dabei gleichzeitig neutral und professionell erscheinen.

Response-Based Practice: Gewalt, Widerstand und Würde
Response-Based Practice stellt diese sprachlichen Operationen infrage, indem sie andere Fragen stellt. Sie bewegt sich weg von: Was stimmt mit dir nicht, dass dir das passiert? hin zu: Was genau hat er getan? Wie hast du darauf reagiert? Welche Werte und welche Würde waren in deinen Reaktionen vorhanden? Wie hast du überlebt, was dir widerfahren ist oder widerfährt? Diese Verschiebung ist subtil und zugleich tiefgreifend. Anstatt sie als passiv, pathologisch oder gescheitert zu betrachten, beginnen wir, einen Menschen zu sehen, der aktiv auf fortbestehenden Zwang und Kontrolle reagiert und versucht, sich selbst und sein Kind in einem Kontext zu schützen, der diese Bemühungen immer wieder untergräbt.
Response-Based Practice beruht auf drei grundlegenden Annahmen:
- Gewalt ist einseitig, sozial, nicht einvernehmlich und bewusst
Gewalt ist keine gegenseitige „Dynamik“ und kein bloßer Kontrollverlust, sondern eine Handlung, die eine Person gegen den Willen und das Wohlergehen einer anderen Person durchsetzt.Täter:innen rechnen mit Widerstand und unternehmen häufig bewusst Schritte, um diesen Widerstand zu überwinden, zu verbergen, herunterzuspielen oder zu bestrafen. Selbst sogenannte „explosive“ oder „unkontrollierte“ Gewalthandlungen beinhalten Entscheidungen, Strategien und ein Bewusstsein für das soziale Umfeld. - Wo Menschen Gewalt, Unterdrückung und Widrigkeiten ausgesetzt sind, leisten sie in irgendeiner Form Widerstand
Menschen reagieren auf Gewalt und andere Formen von Ungerechtigkeit und leisten ihnen Widerstand. Dieser Widerstand kann offen und direkt sein oder subtil und verborgen – abhängig von der jeweiligen Situation. Offener Widerstand ist dabei die seltenste Form des Widerstands. - Soziale Reaktionen sind entscheidend
Betroffene und Täter:innen berücksichtigen ständig die tatsächlichen und möglichen Reaktionen ihres sozialen Umfelds und von Institutionen. Die Qualität der sozialen Reaktionen auf Gewalt steht in engem Zusammenhang mit den Reaktionen der Betroffenen, den Strategien der Täter:innen sowie den kurz- und langfristigen Folgen.
Er vergewaltigt mich zu Hause.
Aus dem Englischen. Public Service Announcements, Whitehorse, Yukon, Kanada
Ich versuche, so spät wie möglich nach Hause zu kommen.
Ich versuche, niemals allein zu Hause zu sein.
Ich versuche, immer eine Freundin oder einen Freund mitzubringen.
Ich arbeite so viele Nachtschichten wie möglich.
In der Hoffnung, dass er schläft, wenn ich nach Hause komme.
Wenn all das nicht funktioniert, betrinke ich mich in der Hoffnung, bewusstlos zu werden.
So versuche ich, es zu verhindern.
Und du stellst meinen Widerstand wirklich infrage?
Der Richter entschied, dass ich zugestimmt hätte.
Niemand hat darum gebeten, vergewaltigt zu werden.
Steht mit uns für Würde und Gewaltfreiheit ein.
Wo Gewalt ist, gibt es Widerstand
Täter:innen – und auch die Gesellschaft – löschen Widerstand aus, um Kontrolle aufrechtzuerhalten. Unsere Aufgabe als Therapeut:innen ist es, den Widerstand, den Klient:innen selbst nicht erkennen können, wahrzunehmen, zu benennen und zu würdigen. Indem wir die Reaktion der betroffenen Person auf die Gewalthandlung von Moment zu Moment beschreiben, wird ihr Widerstand sichtbar. Das ist wichtig – unabhängig davon, ob dieser Widerstand die Gewalt tatsächlich beendet hat oder nicht. Dazu gehört auch, den weiteren Kontext und die sozialen Reaktionen rund um die Gewalt sorgfältig zu beschreiben.
Erfahrungen von Leid und Widrigkeiten werden häufig durch negative soziale Reaktionen anderer Menschen falsch dargestellt. Dazu gehören Familie und soziales Umfeld ebenso wie Fachkräfte, Behörden und Institutionen. Erst wenn Widerstand sichtbar wird, können Betroffene beginnen, sich nicht als kaputt oder mitschuldig zu sehen, sondern als Menschen, die sich die ganze Zeit aktiv und kreativ darum bemüht haben, ihre Würde zu bewahren.
„Widerstand ist allgegenwärtig: Wann immer Menschen Gewalt ausgesetzt sind, leisten sie Widerstand. Neben jeder Geschichte von Gewalt verläuft eine parallele Geschichte des Widerstands. Opfer von Gewalt sind bei jedem offenen Widerstand der Gefahr weiterer Gewalt ausgesetzt – von leichter Missbilligung bis hin zu extremer Brutalität. Deshalb ist offener Widerstand die seltenste Form des Widerstands.“ (Coates/Wade 2007)
Response-Based Practice versteht Widerstand als:
„…jede mentale oder verhaltensbezogene Handlung, durch die eine Person versucht, irgendeine Form von Gewalt oder Unterdrückung – einschließlich jeder Form von Respektlosigkeit – oder die Bedingungen, die solche Handlungen ermöglichen, aufzudecken, auszuhalten, abzuwehren, zu stoppen, zu verhindern, sich ihr zu entziehen, sich ihr entgegenzustellen, sie zu behindern, die Mitwirkung zu verweigern oder ihr entgegenzutreten.“ (Wade 1997)
Wenn wir es versäumen, die richtigen Fragen zu stellen, verschwinden sowohl die Gewalt als auch die Reaktionen der betroffenen Person darauf aus unserem Blickfeld. Betrachten wir einen Bericht über einen sexualisierten Übergriff, in dem das Opfer als passiv dargestellt wird:
Er folgte ihr den Gehweg entlang. Er beschleunigte, um sie einzuholen. Er packte sie an den Schultern und warf sie zu Boden. Er zog sie in Richtung der Büsche. Er überwältigte sie und zog sie in die Büsche. Er hielt einen Stein über ihren Kopf und drohte, sie zu töten, wenn sie schreien würde. Er beschimpfte sie. Er presste seinen Mund auf ihr Gesicht. Er versuchte, ihren Gürtel zu öffnen. Er packte ihre Hosenbeine und versuchte, sie auszuziehen. Er überwältigte sie und vergewaltigte sie.
Und nun stellen wir uns vor, welche Fragen wir stellen müssten, um zu derselben Tat eine zweite Darstellung zu erhalten – eine Darstellung, in der der Widerstand der Betroffenen sichtbar und benannt wird:
Er folgte ihr den Gehweg entlang. Sie beschleunigte. Er beschleunigte, um sie einzuholen. Sie wich zur Seite aus. Er packte sie an den Schultern und warf sie zu Boden. Sie rollte über den Boden, um wegzukommen. Er zog sie in Richtung der Büsche. Sie hielt sich an den Wurzeln eines Baumes fest, damit er sie nicht in die Büsche ziehen konnte. Er überwältigte sie und zog sie in die Büsche. Sie begann zu schreien. Er hielt einen Stein über ihren Kopf und drohte, sie zu töten, wenn sie schreien würde. Sie hörte auf zu schreien. Er beschimpfte sie. Sie sagte: „Du willst das nicht tun. Du willst mich nicht verletzen.“ Er presste seinen Mund auf ihr Gesicht. Sie wandte ihr Gesicht ab. Er versuchte, ihren Gürtel zu öffnen. Sie streckte ihren Bauch heraus, damit er ihren Gürtel nicht öffnen konnte. Er packte ihre Hosenbeine und versuchte, sie auszuziehen. Sie verschränkte ihre Knöchel, damit er ihre Hose nicht ausziehen konnte. Er überwältigte sie und vergewaltigte sie. Sie ließ ihren Körper schlaff werden, um Verletzungen zu vermeiden, und ging in ihrem Geist an einen anderen Ort.
Widerstand muss nicht erfolgreich sein, um Widerstand zu sein
Allzu oft messen wir Widerstand daran, wie erfolgreich er darin war, die Gewalt zu stoppen. Ist sie gegangen? Hat sie Nein gesagt? Hat sie Anzeige erstattet? Hat sie sich gewehrt? Doch dieser Bezugsrahmen verschiebt auf subtile Weise die Verantwortung auf die Betroffenen und entlastet gleichzeitig die Täter*innen. Er lässt zudem den Widerstand der Betroffenen selbst fragwürdig erscheinen und führt dazu, dass sie sich fragen, ob sie irgendwie mitschuldig an der Gewalt gewesen sein könnten.
Was wäre, wenn wir stattdessen fragen würden: Was hast du unmittelbar vor dem Erstarren bemerkt?Wovor hattest du Angst? Hast du die Stimmung, Bewegungen oder den Tonfall der anderen Person beobachtet? Hast du versucht, eine Eskalation zu verhindern? Bist du später gegangen, hast du Hilfe gesucht, jemandem davon erzählt oder dein Verhalten anschließend verändert?
Oft helfen wir unseren Klient*innen dadurch zu erkennen, dass „Ich habe nichts getan“ buchstäblich nicht stimmt. Sie haben wahrgenommen, eingeschätzt, kalkuliert, sich geschützt, ausgehalten oder versucht, den Schaden zu begrenzen. Es geht nicht darum, ihnen eine positive Identität aufzuzwingen. Es geht darum, Handlungen wieder sichtbar zu machen, die aus der ursprünglichen Erzählung verschwunden waren.
Und eines sollten wir klarstellen: Es braucht nicht immer zwei zum Tango. Die einzige Person, die Gewalt beenden kann, ist die Person, die sich entscheidet, sie auszuüben. Gleichzeitig tragen Institutionen, soziale Systeme und Gemeinschaften Verantwortung dafür, Bedingungen zu schaffen, die die Ausübung von Gewalt mehr oder weniger möglich, akzeptiert oder verborgen machen. Widerstand sollte daher nicht daran gemessen werden, ob er den Missbrauch erfolgreich beendet hat. Er sollte daran gemessen werden, auf welch unzählige Arten Betroffene ihre Würde, ihre Werte, ihre Beziehungen, ihre Sicherheit und ihr Selbstgefühl unter Bedingungen von Gewalt und Unterdrückung bewahren.
Wenn Reaktionen pathologisiert werden
Die Pathologisierung der Reaktionen von Betroffenen kann uns manchmal schützen – uns Therapeut:innen ebenso wie die Gesellschaft – vor der Notwendigkeit, uns mit der unerträglichen Realität auseinanderzusetzen, dass Menschen durch Gewalt, Zwang, Diskriminierung oder strukturelle Ungerechtigkeit tatsächlich machtlos gemacht werden können. Sie zwingt uns dazu, unsere eigene Hilflosigkeit auszuhalten und gleichzeitig unsere Klient:innen in ihrer Hilflosigkeit zu begleiten.
Widerstand zu würdigen bedeutet nicht zu sagen: Menschen sind immer mächtig. Oder: Alle Menschen leisten immer wirksamen Widerstand. Stattdessen fragt Response-Based Practice: Was hast du selbst unter Bedingungen extremer Machtlosigkeit versucht zu tun? Und für uns als Therapeut*innen stellt sich eine weitere Frage: Darf Hilflosigkeit in unserer therapeutischen Arbeit existieren? Können wir es aushalten, Erfahrungen zu bezeugen, die sich nicht „retten“ lassen? Die sich nicht in persönliches Wachstum verwandeln lassen? Die nicht als Resilienz umgedeutet werden können? Die nicht mit Dysregulation erklärt werden können? Erfahrungen, die einfach ungerecht, erschreckend, entwürdigend und tragisch bleiben? Und können wir dort bei unseren Klient:innen bleiben?
Würde als moralischer Kompass
Würde ist der moralische Kompass der Response-Based Practice und steht als Gegenpol zur Gewalt. Gewalt – sei sie zwischenmenschlich, strukturell, kolonial oder diskursiv – ist nicht lediglich schädigendes Verhalten. Sie ist ein Angriff auf die Würde. Sie versucht nicht nur, Menschen zu kontrollieren, sondern auch, sie zu definieren. In der Response-Based Practice ist Würde nichts, was Betroffene passiv besitzen oder verlieren. Sie wird durch Widerstand ausgeübt und bewahrt.
Dieses Verständnis verändert grundlegend, wie wir menschliche Reaktionen auf Gewalt interpretieren. Diese Reaktionen sind keine zufälligen Symptome, die innerhalb einzelner Menschen entstehen. Sie entwickeln sich in Beziehungen und Kontexten, während Menschen versuchen, Sicherheit, Verbundenheit, Würde oder körperliche Unversehrtheit unter Bedingungen zu bewahren, die sie sich nicht ausgesucht haben.
Widerstand setzt außerdem weder Absicht noch Bewusstsein voraus. Er wird durch seine Funktion im Verhältnis zu Zwang und Kontrolle definiert. Als Therapeut:innen müssen wir in diesem Zusammenhang verstehen:
- Erstarren ist eine Reaktion auf Bedrohung – kein Beweis für ein Trauma.
- Hypervigilanz ist eine Reaktion auf Gefahr – kein Beweis für eine Pathologie.
- Anpassung und Nachgeben sind häufig Reaktionen auf Zwang – kein Beweis für Zustimmung, auch nicht für unbewusste Zustimmung.
- Dissoziation entsteht im Zusammenhang mit überwältigenden Bedingungen – kein Beweis für Dysfunktion oder eine Störung.
Response-Based Practice bedeutet nicht, Leid zu romantisieren oder jede Reaktion als Stärke umzudeuten. Sie ist auch nicht einfach eine einfühlsamere Interpretation von Trauma. Sie ist der Versuch, Gewalt genauer zu beschreiben. Sobald Gewalt relational verstanden wird – wer hat wem was getan, unter welchen Bedingungen und wie hat die betroffene Person darauf reagiert? – wird Widerstand sichtbar. Was zuvor als Passivität, Pathologie oder Dysfunktion erschien, zeigt sich häufig als intelligente, ethische und strategische Handlung unter einschränkenden Bedingungen.
Abschließende Gedanken: Den Widerstand unserer Klient*innen im Alltag würdigen
Eine Sprache, die Gewalt verschleiert, ist allgegenwärtig.
Und Widerstand ist es auch.
Ein Teil unserer Aufgabe als Therapeut*innen, Pädagog*innen, Freund*innen, Eltern und Mitglieder einer Gemeinschaft besteht darin, die kleinen Handlungen wahrzunehmen, durch die Menschen jeden Tag ihre Würde bewahren – selbst wenn diese Handlungen weder heldenhaft noch stark oder gesellschaftlich akzeptiert aussehen.
Manchmal bedeutet „Vermeidung“, dass jemand die Gefahr sorgfältig beobachtet, bevor er einen Raum betritt. „People-Pleasing“ kann Ausdruck jahrelangen Lernens sein, dass Widerspruch zu Bestrafung oder Demütigung führt. Ein Nervensystem, das als „emotional dysreguliert“ bezeichnet wird, reagiert möglicherweise genau so, wie es unter chronischer Bedrohung gelernt hat zu reagieren. Was als „Nichtbefolgen“ beschrieben wird, kann jemand sein, der sich vor einer weiteren entwürdigenden institutionellen Erfahrung schützt. Und was häufig als „Widerstand gegen Therapie“ bezeichnet wird, kann manchmal ein kluger Widerstand dagegen sein, erneut missverstanden zu werden. Opferbeschuldigung zu erkennen bedeutet, Erklärungen abzulehnen, die Leid individualisieren und dabei Gewalt, Unterdrückung und sozialen Kontext ignorieren.
Im Kern geht es bei Response-Based Practice nicht nur darum, Gewalt anders zu analysieren. Es geht darum, Menschen anders zu sehen. Wenn wir lernen, Widerstand wahrzunehmen, erkennen wir selbst mitten in Unterdrückung die Intelligenz, die ethischen Entscheidungen, die Kreativität und die Würde eines Menschen. Klient*innen werden dann nicht mehr in erster Linie über Pathologie, Defizite oder Schäden verstanden, sondern über die unzähligen Wege, auf denen sie unter schwierigen Bedingungen versucht haben, sich selbst und andere zu bewahren. Die Würdigung von Widerstand verändert therapeutische Gespräche. Sie verändert institutionelle Reaktionen. Und häufig verändert sie auch die Art und Weise, wie Menschen sich selbst sehen.
Was zuvor wie Schwäche, Anpassung, Dysfunktion oder Versagen erschien, kann allmählich als Mut, Fähigkeit, Fürsorge und Überlebensleistung verstanden werden.
Schreibübung: Widerstand erkennen
Denke an eine Situation zurück, in der du dich selbst dafür verurteilt hast, wie du mit einer schwierigen, missbräuchlichen oder unterdrückenden Situation umgegangen bist.
Vielleicht bist du erstarrt, hast geschwiegen, dich angepasst, dich zurückgezogen, dissoziiert, versucht, es anderen recht zu machen, Konflikte vermieden oder einfach alles getan, was nötig war, um diese Situation zu überstehen.
Frage dich nun: Wie könnten diese Reaktionen Formen von Widerstand gewesen sein?
Wähle eine konkrete Situation. Das kann eine gegen dich gerichtete Gewalterfahrung sein, eine Situation, in der eine andere Person betroffen war, oder eine Situation von Zwang, Einschüchterung, Demütigung, Belästigung oder Ungerechtigkeit, die du beobachtet oder selbst erlebt hast.
Schreibe langsam und ausführlich:
Was genau ist passiert?
Was hat die andere Person getan?
Was hast du Moment für Moment als Reaktion getan?
Was hast du zu schützen versucht?
Welche Gedanken gingen dir durch den Kopf?
Welche Gefühle hast du empfunden?
Was haben dein Gesichtsausdruck, deine Körperhaltung, dein Schweigen, dein Nachgeben oder deine Handlungen vermittelt?
Was hat die andere Person als Nächstes getan?
Wie hast du darauf wiederum reagiert?
Während du darüber nachdenkst, achte auf Folgendes:
Wie fühlt es sich an, deine Reaktionen als Widerstand statt als Schwäche oder Versagen zu betrachten?
Wurden deine Reaktionen jemals als „dysfunktional“, „dramatisch“, „vermeidend“, „zu empfindlich“, „nicht kooperativ“ oder „pathologisch“ bezeichnet?
Wie haben diese Bezeichnungen beeinflusst, wie du dich selbst gesehen hast?
Was wird sichtbar, wenn du deine Reaktionen stattdessen im Kontext dessen verstehst, was dir gerade widerfahren ist?
Wo Gewalt, Zwang oder Unterdrückung sind, gibt es häufig Widerstand – selbst wenn dieser leise, eingeschränkt oder unsichtbar ist.
Quellen und weiterführende Literatur
Honoring Resistance. How Women Resist Abuse In Intimate Relationships
Choosing to Change. A Handbook for Men Concerned by Their Abusive Behaviors Against Those They Love
Jess Hill, See What You Made Me Do. Power, Control and Domestic Abuse, 2020
Nick Todd & Allan Wade, Coming to terms with violence and resistance: From a language of effects to a language of responses. In T. Strong & D. Pare (Eds.), Furthering talk: Advances in the discursive therapies. New York, NY: Kluwer Academic/Plenum, 2004
Allan Wade, Small Acts of Living: Everyday Resistance to Violence and Other Forms of Oppression. Contemporary Family Therapy, 19(1), 23-39, 1997
Linda Coates & Allan Wade, Language and violence: Analysis of four discursive operations. Journal of Family Violence, 22(7), 511-522, 2007. Die Originalpublikation beschreibt genau die vier sprachlichen Operationen, die Gewalt verschleiern, die Verantwortung der Täter:innen abschwächen, den Widerstand der Betroffenen verdecken und Betroffene beschuldigen bzw. pathologisieren.
Domenica Ferauds Beitrag für den Medium-Blog, The Movie Star And Me (2022), bietet eine detaillierte Darstellung von sexualisierter Belästigung in ihrem sozialen Kontext. Aus der Perspektive der Response-Based Practice lässt sich darin der Widerstand der Betroffenen deutlich erkennen.
Zusätzlich bietet der Artikel von Linda Coates, Shelly Bonnah und Cathy Richardson – Beauty and the Beast: Misrepresentation and Social Responses in Fairytale Romance and Redemption. In C. Richardson & E. Fast (Eds). Life Matters. (2018) – einen hilfreichen Rahmen aus der Response-Based Practice, um Gewalt und Widerstand als soziale Reaktionen besser zu verstehen.
Videos
Die Public-Service-Ankündigungen wurden aus einem Vortrag von Allan Wade bei Paccoa Australia transkribiert.
Die beiden Darstellungen des Übergriffs wurden aus Allan Wades Webinar „Violence Resistance And The Power In Language_February 6, 2019 transkribiert.
Masterclass Language and Violence mit Linda Coates, 2018.
The Trouble with Trauma Talk mit Cathy Richardson, Allan Wade und Donny Riki, 2022.
Upholding Dignity and Resistance: A Glimpse at Response-Based Practice mit Cathy Richardson, 2024.
Deutsche Ressourcen
https://correctiv.org/aktuelles/haeusliche-gewalt/2023/09/19/die-netzwerke-der-vaeterrechtler/
Antje Joel, Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt, 2020


Schreibe einen Kommentar